• Sissi

Einstellungssache Schmerz: nicht resignieren

In der Arbeit mit meinen Klient*innen ist mir einiges aufgefallen wie Menschen mit chronischen Schmerzen, mit immer wiederkehrenden Schmerzen oder Verspannungen im selben Bereich, umgehen. Alle haben eine oder zwei Routinen – Automatismen – wie sie auf den Schmerz reagieren.


In diesem Artikel fasse ich kurz die gängigsten Automatismen zusammen und beschreibe dann konkret einen Fall.

Automatische Reaktionen auf Schmerz

Hier sind ein paar Beispiele, wie Menschen oft auf Schmerz reagieren:

  • Den Schmerz möglichst lange ignorieren und hinunter spielen. Sich immer mehr daran gewöhnen und weitermachen wie bisher.

  • Den Schmerz als Feind oder als Kontrahenten sehen und ausprobieren, wer der/die Stärkere ist.

  • Den Schmerz analysieren, erklären und besprechen, so als würde er etwas Externes sein.

  • Zum Opfer des Schmerzes werden, ihm oder jemanden Vorwürfe machen, jammern und nichts unternehmen.

  • Unter dem Schmerz zusammenbrechen, sich aufgeben, keinen Ausweg mehr sehen.

Mit solchen Verhaltensweisen, die automatisch passieren und uns nicht bewusst sind, stören wir selbst den Heilungsprozess des Körpers. Durch unsere innere, negative Haltung zum Schmerz, unternehmen wir nicht das, was dem Körper am meisten helfen würde. Wir boykottieren uns selbst.



Woman from the back holding head

In diesem Artikel geht es um den letzten Punkt der Liste: das Aufgeben.

Opfer geworden

Ich hatte eine Klientin, bei der ein Zahnarzt falsche oder unpassende Eingriffe durchgeführt hatten. Sie hatte danach so gut wie immer Schmerzen im Kiefer, die Zähne taten fast ständig weh. Ein wirklich schrecklicher Zustand.


Ich konnte ihr helfen das Kiefer und den Nacken wieder zu entspannen, was schmerzlindernd war. Sie musste aber weitere Operationen machen um wieder schmerzfrei und gesund zu sein.

Sie fühlte sich natürlich hintergangen und verletzt. Jemand hatte ihr etwas angetan, ihrem Körper Schaden zugefügt. Sie ist Opfer von etwas geworden. Und es gab eine Zeit lang Platz zu weinen, traurig zu sein, sich darüber zu beschweren, sich hilflos zu fühlen. All das durfte sein. Sie hatte das Recht auf diese Gefühle. Aber irgendwann war es dann genug und es wurde Zeit für den nächsten Schritt.

Loser als Selbstbild

Durch den fast ständigen Schmerz fühlte sie sich auch fast ständig verletzt und wie beschädigt. Der Schmerz erinnerte sie daran, was passiert war. Und sie fühlte sich nicht nur bezüglich des Zahnarztes als Opfer bzw. als Loser, sondern dann auch in vielen anderen Situationen. Sie fühlte sich viel kränker und schlimmer, als sie eigentlich war. Und sie fühlte sich so ohne Energie, ohne Drive. Nichts schien etwas wert zu sein. Die Zukunft ihres Lebens sah düster aus.

Selbst Schuld für mein Unglück

Sie hatte auch den Respekt vor sich selbst verloren und machte sich Vorwürfe, wieso sie es nicht geahnt hatte. „Wäre ich damals nicht so blöd gewesen, dann wäre heute alles besser.“ „Hätte ich damals dieser Person nicht vertraut, dann wäre mir viel erspart geblieben.“


Diese Selbstgespräche machten alles noch schlimmer. Es war wie ein innerliches Zerfleischen von ihr selbst. Solche Gedankenspiralen ziehen einen nämlich noch tiefer rein in die schlechte Stimmung, in die Handlungs- und Hilfslosigkeit.


Sie musste da raus

Es war eine ganz wichtige Selbsterkenntnis, dass sie aus dieser Rolle raus musste. Sie wollte nämlich nicht so eine Person sein, die ständig deprimiert und mit hängendem Kopf durch die Welt geht. Sie wollte wieder die fröhliche Person sein, die mit den großen Zielen.


Nur weil sie einmal Opfer geworden ist, heißt das nicht, dass ihr ganzes Leben nun für immer und ewig trübe und halb-glücklich sein wird. Wenn sie aber so weiter lebte, in dieser zerknirschten Stimmung, dann würde sie selbst bei totaler Schmerzfreiheit nicht froh und zufrieden sein.

Es ging also darum, den Blinkwinkel wieder zu ändern und zu erkennen, dass sie selbst wirkmächtig ist, dass sie eigenverantwortlich handeln kann, und dass sich das gut anfühlt.